Berliner Medizinstudent Tharusan Thevathasan im Interview

Bemerkenswerte Fortschritte an der Charité Berlin: Medizinstudent Tharusan Thevathasan (20) gründete mit seinen Kommilitonen eine der größten Lokalgruppen in Deutschland. Seit ihrem Start im Oktober 2013 konnte die  achtzehnte AGT Gruppe in der Bundesrepublik umfassend ausgebaut werden und erste Kooperationen mit Klinikdirektoren schließen. Um mehr über die Lage in der Landeshauptstadt zu erfahren, habe ich ein Interview mit Tharusan geführt.

Tharusan, wie kommen eure Besuche bei den Berliner Schülern an?

„Unsere Schulbesuche sind sehr erfolgreich bei den Schülern. Wieso? Wir sind keine Lehrer, die die Schüler benoten. Wir sind keine Ärzte, vor denen die Kinder häufig Angst haben. Uns sieht man eher als ältere Freunde – optimale Mediatoren zwischen akademischer und schulischer Welt. Der Inhalt unserer Seminare ist validiert und auf dem letzten Stand der Forschung, da wir von einem wissenschaftlichen Beirat unterstützt werden.“

Wie ist die allgemeine Akzeptanz für Tabakaufklärung?

„Nicht überraschend ist die Tatsache, dass sich in diesem Feld zwei starke Gegenpole formiert haben, die das Bild einer modernen Aufklärung auf ihre eigene Art manipulieren. Ich durfte bisher vielseitige Erfahrungen sammeln: Von fanatischen Tabakgegnern, die selbst mein Facebook-Konto und meinen Lebenslauf auf „Tabakreinheit“ inspizieren, bis hin zu Rauchern, die zwei Herzinfarkte erlitten und den Tabakkonsum weiterhin befürworten. Gerade deshalb ist es von großer Bedeutung, unsere Neutralität zu betonen. So animierten wir bei unserer AG-Vorstellung auch aufhörende Raucher und Ex-Raucher, aktiv am Programm zu partizipieren, sich mit dem Thema auseinander zu setzen und ihr Verhalten zu reflektieren – eine ziemlich offene und gerade deshalb auch moderne Einstellung, wie ich finde. Sie beleben nicht nur das Diskussionspotential innerhalb der AG, sondern können den Schülern eine wertvolle Erfahrung vermitteln, nämlich ihr persönliches Motiv für den Tabakkonsum, welchem wir dann mit besseren Handlungsalternativen begegnen können.“

Klinikdirektor und Kardiologe Professor Baumann der Charité Berlin konnte Tharusan bereits als Unterstützer gewinnen:

Wie lässt sich das Engagement mit exzellenten Leistungen im Studium vereinbaren?

„Das extra-curriculare Engagement steht im Allgemeinen nicht im Widerspruch zu den universitären Leistungen – ein Trugschluss unter einigen Studenten. Meine gewonnenen Erfahrungen mit Schülern, Lehrern, Patienten und Professoren kann ich im Studium einbringen. Gerade der Berliner Modellstudiengang prädestiniert uns wie kein anderer Studiengang für eine AG-Tätigkeit auf gesellschaftlicher Ebene.“

Warum engagierst du dich?

„Ich kann mich meinen Vorrednern bezüglich der allgegenwärtigen Relevanz des Tabakkonsums anschließen. Außerdem sprechen uns die Berliner Schüler oftmals auf Wasserpfeifen an – ein Aspekt, der in anderen Präventionsprogrammen anscheinend leider nur am Rande behandelt wird. Hier erkennt man, wieso unser Programm durch unsere Nähe zu den Schülern profitiert: Ihre Offenheit optimiert unser Programm kontinuierlich.
Zudem bin ich überzeugter Verfechter des Social Entrepreneurships. Unser Ziel ist kein finanzieller Gewinn, sondern der gesellschaftliche Profit durch unser vermitteltes Wissen. Gerade deshalb sollten uns viel mehr Berliner unter die Arme greifen.“

Welche Fortschritte wurden seit der Gründung erzielt?

„Viele. Auf Facebook und in der AGT werden wir in Kürze genauso viele Unterstützer wie die erste Lokalgruppe aus Gießen haben – das freut mich. Auf wichtige Kooperationen mit verschiedenen Klinikdirektoren möchte ich aus AG-technischen Gründen nicht eingehen. Des Weiteren konnten wir das Kernkonzept vieler Lokalgruppen in Deutschland erfolgreich erweitern: So erstellten wir beispielsweise ein wichtiges Patienten-Video in mehreren Kliniken, das hilfreich ist, wenn Patienten bei der Aulapräsentation ausfallen sollten. Viele Gruppen interessieren sich auch für unsere Schulpräsentation, die wir für uns abgeändert haben.
Aber ich muss hier mal eines klarstellen: AGT ist Teamarbeit. Ich möchte mich deshalb an dieser Stelle ganz herzlich für die Unterstützung durch meine Kollegen Parnia, Niky, Leonard und Chong bedanken, die neben dem Studium sehr wichtige organisatorische Aufgaben in unserem Programm übernehmen. Außerdem ganz klar zu betonen: Das wichtige Engagement der Mentoren aus dem ersten bis zehnten Semester, die ihre freie Zeit für eine Aufklärung auf Augenhöhe investieren.“

Was waren die einprägsamsten Erlebnisse?

„Die Schulbesuche waren für uns alle ziemlich beeindruckend. Erst in diesem Moment wird einem bewusst, wieso es sich lohnt, auch außerhalb der Uni engagiert zu sein: Der positive Erfolg seines Engagements ist unmittelbar wahrzunehmen. Es gibt viele interessierte Schüler mit noch interessanteren Fragen. Nach unseren Aula-Präsentationen mussten wir die Lehrer nicht auf die anschließenden Klassenraumseminare ansprechen, da die Schüler diese aus Überzeugung dazu bewegt haben. Das spielgelt den Erfolg unseres Programms wider.
Beeindruckend ist auch die Zusammenarbeit mit vielen verschiedenen Semestern. Man lernt jedes Mal etwas Neues hinzu und optimiert sich dabei kontinuierlich selbst. Wir arbeiten nämlich Hand in Hand: Unklare Sachverhalte erklären wir uns gegenseitig – einer erzählt von neuen Studien aus der Tabakforschung, ein anderer wiederum von seiner letzten Physio-Vorlesung.“

Was waren bisher die größten Herausforderungen bei der Arbeit?

„Wie bei jeder Neugründung mussten auch wir uns auch mit den Gründungs-spezifischen Rauhigkeiten konfrontiert sehen. Darüber hinaus musste ich die Zusammenarbeit mit einigen anderen Vereinen ablehnen, da deren Vereinssatzungen auf politische Ziele ausgerichtet sind. Diese Enthaltung wirkt zwar nicht gerade förderlich auf unsere anfängliche Weiterentwicklung, dennoch ist unsere Neutralität insbesondere in der Tabakprävention ein wichtiges Gütesiegel. Mit tatkräftiger Unterstützung der Koordinatoren und Mentoren konnten wir dennoch einige Schulen nach unserer Gründung besuchen. Wir haben uns nämlich zu einem eingespielten Team entwickelt: ein Koordinator nimmt regelmäßig an den Fachschaftssitzungen teil, eine Mentorin besorgte uns einige Lehrmaterialien, eine andere Kollegin wiederum aktuelle Bilder von Tabakplakaten in Berlin etc. . Neulich erhielt ich von einem Mentor, derzeit PJler in Asien, Feedback zu unseren Präsentationen. Kurz gesagt: Wir entwickeln uns zu einem stabilen und dynamischen Netzwerk.
An dieser Stelle möchte ich mich auch für die offene Unterstützung durch Herrn Dr. Kamp aus Nordrhein-Westfalen bedanken.“

Was sind deine Pläne für AGT Berlin?

„Der Abbau von Hindernissen für uns AGTler. Es soll eine AGT-Card eingeführt werden. Damit soll allen AGTlern ermöglicht werden, in verschiedenen Stationen zur klinischen Weiterbildung zu hospitieren.
Weitere wichtige Pläne existieren, auf die ich aber aus AG-technischen Gründen nicht eingehen möchte.“

Wie viele Schulen betreut ihr?

„Nach unserer Gründung haben wir in einer Woche vier Schulen besucht und dabei bereits 400 Schüler aufgeklärt. Im Fokus standen dabei Gymnasien. In den Einführungen in diesem neuen Semester betonte ich die Wichtigkeit unserer Besuche in Schulen mit hohem Schüleranteil aus bildungsfernen Schichten, da insbesondere hier auf wissenschaftlicher Ebene offensichtliche Korrelationen mit dem Tabakkonsum nachgewiesen werden konnten. Wenn wir zwischen einem Gymnasium und einer anderen Schulform entscheiden müssten, würde ich mich von Gymnasien distanzieren. Gerade unsere Vorbildfunktion als Medizinstudenten ist in anderen Schulformen wichtiger. Dennoch ist das eine Entscheidung, die ich nicht alleine treffen kann – diesbezüglich möchte ich vorerst ein Meinungsbild aller AGTler einholen.“

Zur Person: Tharusan Thevathasan (20) stammt aus Nordrhein-Westfalen und studiert Medizin im Modellstudiengang der Charité Berlin. Nach aktueller Einschätzung seiner Studienleistungen gehört er zu den 10% der besten Studenten seines Semesters. Auf der Grundlage seiner Leistungen wurde er mit dem Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes ausgezeichnet.

Mehr Informationen zu der Gruppe: http://gegentabak.de/universitaet-berlin/

Zeitungsartikel zur Berliner Gruppe aus der Huffington Post: http://www.huffingtonpost.de/martin-schulte/den-ersten-zug-verhindern_b_5856698.html